Teil 1

1. Tag (15.08.97)

Bremen - Hamburg - Newcastle

Eintrag:15.8.97, 21:15, irgendwo in der Nordsee

Erster Eintrag: Gerade habe ich „Liar Liar" mit Jim Carrey im Bordkino gesehen. Aber was soll man hier auch sonst machen. Bei dem „hier" handelt es sich um die „Admiral of Scandinavia" von Scandinavian Seaways. Die Überfahrt von Hamburg nach Newcastle kostete mich hin und zurück ca. 250 Mark inklusive Fahrrad und dauert 23 Stunden. Ich habe gerade etwas Mühe zu schreiben, weil ich auf dem Sonnendeck sitze, es hier ziemlich windig ist und außerdem stark schaukelt. Cuxhaven habe ich jetzt leider verpaßt, da wir schon auf dem offenen Meer sind. Jetzt ist es auch schön ruhig hier. Und das alles, nachdem der Tag recht turbulent angefangen hat. Zwei Stunden vor der Abfahrt reißte mir Zuhause der Zug meiner Gangschaltung. Es folgte Hektik pur und ein erster Sturz auf dem Weg ins Fahrradgeschäft, da sich das Kabel im Reifen verfangen hatte, aber egal: es ist ja noch mal gut gegangen, besser hier als mitten in der Pampa in Schottland. Um 16h hat die Fähre abgelegt und bis zum Kino habe ich es mir auf dem Sonnendeck gemütlich gemacht. Windgeschützt kann man es hier sehr gut aushalten in der Sonne.

2.Tag (16.08.97)

Newcastle - Lihlingow

Eintrag: 16.8.97, 17:30, im Zug von Newcastle nach Edinburgh

Endlich, ich sitze im Zug. Das war harte Arbeit. Von wegen in England kann man gut mit dem Fahrrad im Zug fahren. Aber von vorne: Die Nacht auf dem Schiff war eigentlich ganz OK. Ich konnte überraschenderweise ganz gut schlafen, obwohl es sehr laut war, da die Kabinen hinten am Motor lagen. Außerdem waren es eigentlich keine Kabinen. Es war eher ein großer Raum, in dem man Trennwände gezogen hat. Deshalb hat man von allen Kabinen in der Nähe jedes Wort gehört. Ich hatte eine 4er-Kabine, die anderen drei habe ich aber kaum zu Gesicht bekommen. Die Kabine lohnt sich aber schon. Es ist doch besser als ein Liegestuhl im Großraumwagen, allein schon wegen des Gepäcks, das man hier wegschließen kann.

Am nächsten Morgen habe ich zum ersten Mal zum Frühstück das SB-Restaurant aufgesucht. Gestern abend mußte ich leider hungern, da ich zu spät aus dem Kino gekommen bin. Es ist ganz schön teuer, aber immerhin schmeckt es. Am Vormittag habe ich dann - wie vermutlich alle anderen Passagiere auch - versucht einen Platz auf dem Sonnendeck zu ergattern. Nach dem Mittag (merkwürdig schmeckende Pommes mit einer ziemlich ekligen Wurst) habe ich mir "Batman & Robin" im Kino angetan, ziemlich schlecht, aber besser als Langeweile.

Als ich wieder an Deck komme, fahren wir schon in den Hafen von Newcastle ein. Sehr heruntergekommen alles. Da jetzt alles ziemlich hektisch zusammengepackt werden muß, beginnt der Anfang der Qual. In den falschen Schuhen, der falschen Hose (lang) und mit dem blöden Rucksack auf dem Rücken fahre ich los. Der Weg in die Stadt ist anfangs ziemlich schlecht ausgeschildert, und ich und mit mir noch einige andere Radfahrer irren ein wenig durch die Gegend. Anfangs ist zwar ein Radweg in die Stadt ausgeschildert, aber die Schilder hören einfach auf. Außerdem scheint es den Engländern Spaß zu machen, auf Radwegen Hindernisbarrieren aufzubauen. Ich folge dann meiner Nase und liege richtig. Teilweise ist es schon ganz schön bergig und ich verfluche die verdammte Hitze und den Wind. Außerdem stört die Bauchtasche. Die habe ich heute zum letzten Mal getragen. Ich mache in Gedanken schon die erste Liste mit Dingen, die ich alles mit der Post nach Hause schicken will. Man muß sich auch trennen können...

Und dann der Linksverkehr: Daß man auf der Straße links fährt, war mir ja irgendwie klar, aber daß man beim Überqueren der Straße auch in die andere Richtung gucken muß ... Nun, das wäre beinahe ins Auge gegangen. Und an die vielen Kreisel muß man sich auch erstmal gewöhnen. Nach immerhin 14 Km Fahrt - überwiegend durch nicht sehr einladend wirkende Stadtviertel - komme ich am Bahnhof an, kaufe ein Ticket nach Edinburgh. Mit Fahrrad immerhin £30, stolzer Preis.

Der Zug hat 45 Minuten Verspätung. Da ich zuerst am falschen Ende des Zuges stehe, hetze ich zum anderen Ende und kann gerade noch mein Fahrrad in den Zug werfen, bevor mich die Schaffnerin aus dem Gepäckwagen schmeißt. Wahrscheinlich purzelt mein Rad jetzt in jeder Kurve munter durch den Zug. Durch die Verspätung kommen natürlich meine ganzen Pläne durcheinander. Hoffentlich komme ich noch aus Edinburgh raus, bis nach Lithlingow. Wir werden sehen...

Eintrag: 17.8.97, 18:00, Campingplatz Aberfoyle

Ich habe es noch geschafft mit dem Fahrrad aus Edinburgh rauszukommen, war allerdings nicht gerade einfach, bei den vielen Straßen, ziemlich viel Verkehr, Stop and Go in der Innenstadt von Edinburgh (Festival Zeit) und die großen Straßen, bei denen man ständig Angst hat, dass man gleich auf der Autobahn fährt, das war nicht unbedingt spaßig. Zurück werde ich wohl mit dem Zug fahren. Nach ca. 30 km komme ich nach Lithlingow und suche den Campingplatz, finde ihn aber erst nicht. Ein paar Passanten weisen mich auf eine Farm hin, auf der man zelten kann.

Ich fahre am See entlang, von wo man einen guten Blick auf das Castle hat, in dem Maria Stuart geboren worden ist. Hinter der Autobahn liegt die Farm. Es ist zwar nicht gerade leise, aber dafür kostet es nur £2. Nachdem ich zum ersten Mal mein Zelt aufgebaut habe, fahre ich zurück in den Ort, rufe zu Hause an und esse eine Pizza. In der Nacht kann ich eigentlich ganz gut schlafen, nur merk ich langsam, warum mein Zelt so billig war: Es leckt - nicht gerade angenehm und so werde ich zum ersten Mal ein wenig nass in Schottland, und das mit einem Dach über dem Kopf.

3. Tag (17.07.1997)

Lithlingow - Aberfoyle

Am nächsten Morgen geht es gegen 10h los. Über Falkirk auf der A905 in Richtung Stirling. Auf dem Weg liegt das Pineapple House. Ein Haus mit einer Ananas auf dem Kopf - ganz schön bizarr, trotzdem bin ich nur einer von drei Touristen, die sich hierher verirrt haben. Die anderen Touris müssen alle in Stirling sein ... Deswegen schaue ich mir das Castle auch nur kurz von weitem an. So langsam kommen jetzt auch die ersten Berge in Blickweite - ich meine richtige Berge - Hügel gab es ja auch vorher auch schon. Au weia, von weitem sehen die ganz schön hoch aus. Es beginnt das Gefühl, das mich noch auf meiner ganzen Tour begleiten wird: Jedes mal, wenn man um eine Ecke biegt und einen Berg sieht, hofft man: hoffentlich muß ich da nicht hoch.

Von Stirling geht es weiter nach Doune. Ich erwische leider die falsche Straße. Denn ich bin auf der Hauptverkehrsstraße gelandet. Das Doune Castle wird gerade renoviert und ist daher nicht so furchtbar beeindruckend. Von Doune geht es über Thornhill nach Aberfoyle, sehr schöne Strecke. Ausgerechnet hier passiert mir mein erster Unfall. Ich komme in den Rollsplitt und rutsche weg. Dabei hat sich das Vorderrad ziemlich verdreht. Ergebnis: Tacho kaputt, Vorderbremse kaputt. Schöne Bescherung. An dieser Stelle hatte mein Tacho 61 km drauf. Es sollten noch ein paar mehr werden.

Im Lake of Menteith soll auch noch das Schloß liegen, auf dem Maria Stuart einmal versteckt worden ist. Ich kann das aber nicht bestätigen. Ich habe es nämlich nicht gefunden. Von Aberfoyle fahre ich am Loch Ard entlang um ins Youth Hostel zu gelangen. Ich suche und suche ... und sieh an, das YH wurde vor zwei Jahren geschlossen, da zahlt es sich doch aus, dass man aktuelles Reisematerial hat. Insgesamt waren das 10 Meilen umsonst.

Zurück nach Aberfoyle und wieder auf den Campingplatz. Bis jetzt ist das Wetter noch schön, wie den ganzen Tag schon. Hoffentlich bleibt es so. Am Abend gehe ich noch ein wenig spazieren. Eigentlich will ich durch den Wald zum Ort laufen. Da ist auch ein Weg, aber irgendwie will der nicht da hin, wo ich hin will. Und so laufe ich irgendwann entnervt zurück. Irgendwie die Krönung eines Tages, der von Orientierungslosigkeit geprägt war.

4. Tag (18.08.1997)

Aberfoyle - Crianlarich

Eintrag: 18.08.97, 17:00, YH Crianlarich

Die gestrige Nacht war ziemlich kalt. Außerdem habe ich gemerkt, daß das Zelt nicht einmal dem Tau standhält. Denn es war wieder feucht, obwohl es nicht geregnet hat. Also in Zukunft zelte ich nur noch im Notfall. Von Aberfoyle geht es den Trossachs Trail entlang in Richtung Loch Kathrine und gleich zu Beginn ein hammerharter Berg, sehr steil und sehr lang. Zum Glück ist es noch recht kühl und ich komme mit kurzen Verschnaufpausen ganz gut hoch. Außerdem hat ja jeder Berg zwei Seiten. Bergrunter wird man aber fast zu schnell mit dem ganzen Gewicht. Teilweise schaukelt es ganz schön, da muß man dann leider etwas bremsen. Der zweite Abschnitt am Loch Venachar entlang ist schön zu fahren, zwar hügelig, aber nicht zu steil. Bei Callandar nehme ich die A84 nach Norden. Die Strecke ist landschaftlich sehr schön und hat einen Berg, der es in sich hat. Auf der Strecke liegt auch das Grab von Rob Roy. Das sah aber nicht gerade einladend aus, also bin ich weitergefahren. Hinter dem Glen Ogle geht es nach Westen weiter und nach 70 km komme ich in Crianlarich an. Ich bekomme ein Bett im Youth Hostel, das diesmal auch noch existiert. Dabei fällt mir auf, daß ich mich in Deutschland gar nicht um einen Jugendherbergsausweis gekümmert habe. Na ja, ich hatte ja auch geplant öfter zu zelten. Jedenfalls muß ich jetzt hier in Schottland sechs Mal £1,50 mehr bezahlen, dann bin ich vollwertiges Mitglied. Der Ort ist wirklich ziemlich verschlafen. Das Einzige, was es hier gibt, sind sich kreuzende Straßen und Eisenbahnstrecken. Außerdem führt hier auch noch der West Highland Way - der Wanderweg von Glasgow nach Fort William - durch. Und die Umgebung ist auch wirklich schön.

5. Tag (19.08.1997)

Crianlarich - Oban

Eintrag: 19.08.97, 18:00, Strandpromenade in Oban

Endlich wieder in einem Bett geschlafen. Das tut gut. Auch wenn da diese Leute waren, die meinen, unbedingt vor 7h aufstehen zu müssen. Nach dem kargen Frühstück - komischerweise habe ich bislang selten Hunger - mache ich mich auf den Weg. Auf der A85 bis nach Tyndrum geht es sehr mühsam. Danach geht es fast bis Dalmally (immerhin 12 Meilen) immer schleichend bergab, bis auf ein paar Hügel - so macht das Fahren Spaß. Dazu auch noch die tolle Landschaft des Glen Lochy. Rechts und links hohe Berge und in der Mitte noch ein Flüßchen.

Hinter Dalmally geht es direkt am Loch Awe entlang, der noch ein bißchen nebelverhangen ist. Aber so langsam kommt auch heute wieder die Sonne raus, und es sieht so aus, als würde es auch heute wieder schön werden. In Taynuilt entschließe ich mich der Hauptstraße zu entfliehen und biege nach links in die Pampa ab, auf eine Straße, die nicht auf jeder Karte eingezeichnet ist. Gleich zu Beginn ein fieser Berg. Außerdem ist dieser Single Track Road so mies, daß auch das Bergrunter-Fahren keinen Spaß macht, weil man höllisch aufpassen muß, um nicht hinzufallen. Immerhin muß ich kaum befürchten, daß ein Auto entgegenkommt. Dafür ist die mSo in etwa sah das aus...enschenleere Landschaft sehr beeindruckend. Hier gibt es nur Schafe, und die überall. Doch plötzlich steht ein ziemlich wild aussehender Highland Bulle vor einem Cattle Grid direkt vor mir, mitten auf der Straße.

Da war mir schon etwas mulmig ... Diesen Augenblick werde ich wohl so schnell nicht vergessen. Vor lauter Aufregung habe ich auch kein Foto gemacht. Ich werde mir bestimmt noch eine Postkarte von so einem Vieh kaufen (siehe rechts). Ich war froh als ich weg war. Zum Glück hatte ich nichts Rotes an, sonst wäre er mir womöglich noch hinterher gejagt - obwohl sie ja doch nicht so beweglich aussehen - aber wer weiß?

Gegen 14:30 h komme ich schon in Oban an, und habe gerade noch Glück: Das Backpackers Hostel ist schon voll, aber in der Jugendherberge (an der Strandpromenade) kriege ich gerade noch ein Bett - stolzer Preis £10 - dafür aber auch ganz ordentlich. In der Stadt reserviere ich mir einen Platz für die 3-Island-Tour (Mull-Iona-Staffa), kostet £23,50. Da bin ich morgen den ganzen Tag unterwegs und lasse mal die Beine hängen. Dann schaue ich mir noch die eigentlich einzige Sehenswürdigkeit von Oban an, den Mc Caig's Tower. Von diesem Monument, das von unten an das Kolosseum erinnert, hat man einen guten Blick über die Stadt. Im Moment sitze ich gerade am „Strand". Es ist zwar ziemlich warm, aber auch ganz schön dreckig. Kein Wunder, bei den ganzen Schiffen, die hier rein und raus fahren.