
Jetzt bin ich also in China. Über den Karakorum Highway und den Khunjerab Pass (4733m), der höchste internationale Grenzübergang mit einer geteerten Strasse. Sobald man den Pass überqürt, ändert sich die Landschaft dramatisch. Auf der pakistanischen Seite enge Schluchten und auf der chinesischen weite grüne Grasebenen.
Wir haben einen Stop am Karakuli Lake gemacht. Leider war das Wetter nicht so gut. Sonst soll es einer der schönsten Plätze am KKH sein. Es war trotzdem interessant mit der kirgisischen Bevölkerung. Für wenig Geld kann man in einer traditionellen Yurte mit der Familie Dinner essen. Sehr gut.
Der Weg nach Kashgar gestaltete sich etwas schwierig. Da die Strasse von Landslides weggespült wurde. So mussten wir 13km laufen mit vollem Gepäck, bis wir wieder auf Autos stiessen.
China gefällt mir auf Anhieb gut, obwohl ich noch nicht viel vom richtigen China gesehen habe, den dieser Teil ist überwiegend tadschikisch, kirgisisch und uighurisch geprägt. Es ist sehr interessant, billiger als erwartet (aber trotzdem teurer als Pakistan), man sieht wieder Frauen auf der Strasse und arbeitend, die nicht verschleiert sind und das Essen ist deutlich abwechslungsreicher und besser als in Pakistan.
Chengdu, 13. September 2001Kashgar hat zwei komplett unterschiedliche Gesichter. Zum einen die Altstadt, gesäumt mit vielen interessanten Handwerksshops, wo wirklich noch alles mit der Hand gemacht wird, und wo man keinen einzigen Chinesen sieht, dafür viele voll verschleierte Frauen; und zum anderen eine typische chinesische moderne Stadt mit weiten Strassen, modernen Shopping Centren und Skyscrapern, wo man kaum Uighuren sieht, dafür aber chinesische Frauen in Miniröcken.
An meinem letzten Tag in Kashgar, dem Tag des berühmten Sunday Markets, hätten die Gegensätze nicht grösser sein können. Am Morgen der Viehmarkt, wo uighurische Bauern ihre Schafe, Kühe, Esel etc. anbieten, am Abend chinesische Disco, wo Chinas Jugend aufgestylt zu hämmernden Techno Beats abtanzt. Ja Kashgar war eine sehr interessante Stadt...
Weiter bin ich über die südliche Route der Seidenstrasse mit ihren klangvollen Namen wie Yarkand und Hotan, was allerdings landschaftlich recht öde war. Interessanter wurde es in der Taklamakan Wüste. Taklamakan bedeutet in etwa, dass die die sie betreten, nicht zurückkehren. Naja, ich habe es überlebt. Allerdings war ich auch nicht auf einem Kamel unterwegs sondern im bequemen Sleeper Bus quer durch die Wüste auf einem neuen Highway. 28 Stunden von Hotan nach Urumqi.
Mit dem Kilometerfressen ging es dann auch weiter. Per Zug 30 Stunden nach Lanzhou. Als ich das erste Mal die Ticket Halle betreten habe, dachte ich, hier kriegst du nie ein Ticket. So viele Leute, so wenig Züge und alle wollen sie damit fahren. Unmöglich? Nein, im Endeffekt habe ich mein gewünschtes Hard Sleeper Ticket bekommen. Ich hatte ja die einzelnen Wörter alle schön säuberlich auf chinesisch aus dem Guidebook abgeschrieben und es der Dame vor die Nase gehalten. Aussprechen versuche ich gar nicht erst. Es verseht mich sowieso keiner. Auf diese Weise ist es recht einfach durch die Gegend zu kommen, auch ohne ein Wort chinesisch zu können. Der grösste Haken an China ist eigentlich, dass man sich kaum mit normalen Leuten unterhalten kann, weil bis auf ein paar junge Studenten kaum einer Englisch kann.
Zu Urumqi und Lanzhou fällt mir nicht viel ein, was ich schreiben könnte, ausser dass es beides grosse, moderne, uninteressante Städte sind. Also schnell weiter. In diesem Fall nach Xiahe.
Der erste Stop auf der Route gen Süden nach Chengdu ist Xiahe. Dies ist eine stark tibetisch geprägte Stadt mit einer der sechs bedeutenden Klöster der tibetischen Gelbkappen Buddhisten. Sehr interessant, aber da ich vor zwei Jahren in Tibet schon so einige Klöster gesehen habe, überkam mich dann doch recht bald der "Buddha-und-Lama-Overkill". Aber Xiahe ist ein sehr relaxter Ort und im Endeffekt war ich fast eine Woche da.
Weiter gings nach Langmusi, was mir noch besser gefallen hat. Wunderbare Graslandschaft und ein kleines tibetisches Dorf, was tibetischer war, als alles was ich in Tibet gesehen habe, die Leute betreffend. Ich hatte sogar die Gelegenheit eine traditionelle tibetische "Luftbestattung" mitzuerleben.
Bei dieser Form der Bestattung wird der Leichnam den Aasgeiern zum Frass vorgeworfen. In dem Moment, wo der Truck mit dem Leichnam in die Nähe des Burial Spots kommt, tauchen aus dem Nichts hunderte Geier langsam kreisend über einem auf und lassen sich auf einem nahen Hügel nieder. Man fühlt sich wie in Hitchkocks "Vögel". Eine zweite Gruppe von Geiern war bereits vorher da. Das waren drei andere Traveller und ich und unsere Kameras.
Idealerweise soll vom Körper nichts übrig bleiben. Das gilt sonst als schlechtes Omen. Aber damit nehmen sie es hier nicht so genau. Es werden keine Knochen zermalmt und mit Essen vermischt, damit die Geier auch das Essen. Dennoch müssen die Männer an die "Arbeit". Denn den einfach herumliegenden Körper rühren die Geier nicht an. Sie wollen das ganze in appetitlichen Häppchen serviert bekommen. Man ist ja Gourmet! Also beginnen die 5 Männer und ein nur etwa 12 Jahre alter Junge mit dem Hacken und Schneiden, was man aus relativer Nähe verfolgen kann. Zuerst wird mal ein Fuss genommen und den Geiern als Köder hingeworfen. Sofort stürmen sie zu der Stelle und ein wilder Kampf bricht aus, was dem Fuss nicht gerade gut tut.
Nach und nach stürzen sie sich dann auch auf die restlichen Körperteile und picken munter drauf los. Der Schädel kriegt noch mal eine extra Behandlung. Hart wird mit der Axt darauf eingeschlagen, bis er gespalten ist. Erstaunlich was ein menschlicher Schädel alles aushält. Nach einer Stunde ist alles vorbei, die Männer besteigen ihren Truck und überlassen den Geiern die restliche Arbeit. Die Skelettreste können dann morgen besichtigt werden.
Die Schilderung mag banal klingen, oder gar abartig. Aber ich fand es nicht schlimm oder eklig. Es war ein faszinierendes Erlebnis. Die Verbrennungen in Varanasi, Indien, fand ich wesentlich abstossender.
Von diesem bizarren Erlebnis ging es zu einem Abenteuer ganz anderer Art. Es hat mit Pferden zu tun. Moment. Pferde? Da war doch was. Habe ich nicht Pferde gehasst, nach meinem misglückten Pferdeabenteuer in Pakistan? Ok, das ist nun schon eine Weile her, die Wunden sind verheilt und ausserdem kaufe ich diesmal kein Pferde sondern gehe auf einen organisierten Horse Trek, in Songpan. 4 Tage mit 4 Leuten und 4 Guides. Die Landschaft unterwegs und die "Sites" die man ansteuert sind zwar nichts absolut besonderes, aber es war trotzdem ein grosser Spass. Das Reiten, das Camping im Wald mit Lagerfeuer, nette Guides, gute Pferde - nicht wie mein lahmer Gaul - und man muss sich um nichts kümmern. Alles Klasse!
Von dort ging es in einer neunstündigen Busfahrt nach Chengdu. Die Hauptstadt der Provinz Sichuan und so ziemlich in der Mitte von China.
Beijing, 29. September 2001Chengdu war bisher die netteste Grossstadt Chinas mit sehr relaxter Atmosphäre. Von dort bin ich weiter nach Leshan, wo es die grösste Buddha Statue der Welt zu sehen gibt. Nun ja ich habe sie nicht gesehen. Ich habe Leshan auf Anhieb gehasst, nachdem ich nach meiner Ankunft stundenlang auf der Suche nach einem günstigen Hotel durch die Stadt geirrt bin. Gelandet bin ich in einem ziemlich schrecklichen Loch. Zudem war das Wetter schlecht und das Foto was ich von Mr. Buddha gesehen habe, war auch nicht sonderlich prickelnd. Also schnell weiter nach Chongqing - Ausgangspunkt für die 3-Schluchten-Cruise auf dem Yangtse Fluss.
Die ganze Gegend wird vermutlich im Jahre 2008 vom Wasser verschluckt werden, wenn die Chinesen ihr Grossprojekt 3-Schluchten-Damm fertiggestellt haben. Die Häuser und Fabriken die direkt am Fluss stehen, zeigen schon jetzt Zeichen der Verwahrlosung und Flucht der Bevölkerung. Die Tour war aber eher ein mittleres Desaster. Die erste der drei Schluchten habe ich verpennt, weil man durch die schon um 5:00 durchfährt und beim Ausflug zu den 3 kleinen Schluckten ging es mir plötzlich schlecht. Also habe ich wohl die beiden besten Dinge verpasst. Klasse! Die beiden letzten Schluchten waren nicht sonderlich spektakulär und ich habe mir die ganze Zeit gedacht, dass es am Rhein auch schön ist...
In Yichang habe ich das Boot verlassen und hing dann erstmal dort fest. Sleeper Tickets nach Beijing waren einfach nicht zu haben. Schliesslich bin ich dann aber doch noch mit Umsteigen nach Beijing gekommen. Das erste Ziel ist also erreicht: Beijing - und zwar auf dem Landweg wie geplant. Gut, ich habe ein paar Umwege gemacht und es hat 206 Tage gedaürt, aber jetzt bin ich da.
Und Beijing ist grossartig. Nicht die City an sich - es ist ein riesiger Moloch - aber die Sehenswürdigkeiten. Die Verbotene Stadt und die Grosse Mauer zählen ohne Zweifel direkt zu den absoluten Höhepukten meiner Tour. Himmelstempel und Sommerpalast sind auch klasse, aber treten bei soviel guten Dingen etwas in den Hintergrund...
Morgen fahre ich mit dem Zug direkt nach Hong Kong. Das war eigentlich nicht so geplant. Ich wollte noch andere Dinge entlang der Ostküste angucken, aber es waren mal wieder überhaupt keine Tickets zu bekommen, da momentan National Feiertag und Ferien sind.


Regenbogen über dem See. Nicht ohne Grund. Geregnet hat es leider genug.








Etwas weiter südlich liegt das kleine Dorf Langmusi. Noch wesentlich tibetischer und auch landschaftlich schöner.



Ich hatte also tatsächlich die Gelegenheit eine Luftbestattung live mitzuerleben. Am Anfang waren die Vögel noch etwas scheu...
Schliesslich gingen sie dann aber an die Arbeit...





Ein weiter Sprung nach Peking. Aber zwischendurch habe ich einfach keine interessanten Fotos gemacht.
Hier der Himmelstempel. Wunderschöne Formen.





Die Chinesische Mauer. Das einzige menschlich erbaute Gebilde, das man aus dem Weltall sehen kann - wie man sagt.
Naja es ist schon wahnsinnig. Die Mauer zeiht sich wie ein Drachenschwanz endlos über die Hügel...

