QuettaVon Bam ging es in einem Stück nach Quetta, Pakistan. Zunächst 4 Stunden im Bus nach Zahedan. Dann eine Stunde auf der Ladefläche eines Pickups mit 130 Sachen zur Grenze. Die Grenzformalitäten gingen sehr schnell, aber dann kam der harte Teil. Quetta ist die erst nennenswerte Stadt hinter der Grenze. Und sie ist über 600 km weit weg.
Der Nachtbus, der 15 Stunden dauern sollten, brauchte 19. Und es waren keine angenehmen Stunden. Während Busse in der Türkei wohl mit die besten der Welt sind, sie im Iran noch gerade ok sind, sind sie hier ziemlich erbärmlich. Auf alle Fälle für kleine Menschen gebaut. Denn Beinfreiheit existiert nicht. Die AirCon war auch nur ein laues Lüftchen und die Strasse ist ziemlich uneben, was die Sache zu einer ziemlich schaukeligen Angelegenheit macht. Insbesondere wenn man auf den letzten Plätzen über der Hinterachse sitzt. Naja irgendwann komme ich dann aber doch noch heil in Quetta an.
Erster Eindruck Pakistan: Luft ist dreckiger. Hotels sind besser und billiger. Essen ist wesentlich besser und nicht zu scharf. Die Leute sind nett und nicht so aufdringlich wie in Indien. Männer laufen zu 99% alle in denselben Klamotten rum. Lange weite Hosen und darüber ein knielanges Hemd. Die Farben variieren etwas. Aber nicht viel. Fast wie im Kommunismus...
Während man Frauen im Iran alle in schwarzen Umhängen sah, sieht man hier fast überhaupt keine. Und wenn total verschleiert. Man mag vielleicht glauben, dass Iran das "islamischere" Land von beiden ist. Aber weit gefehlt. Viele religiöse Menschen habe ich da nicht getroffen und fast jeder war regimekritisch. Dagegen springen in Pakistan alle aus dem Bus, um zu beten. Ziemlich oft. In Iran hab ich das nie gesehen...
Und auch Alkohol ist hier nicht so einfach zu bekommen. Bars gibt es nur in Top End Hotels. Ansonsten kann man eine "Liquor Permit" beantragen. Eine "Lizenz zum Saufen". Wahnsinn!
Ich liebe Pakistan und all seine Bewohner. Die Leute hier übertreffen alles was ich bisher an Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft gesehen habe. Insbesondere, da ich es am Anfang immer mit Indien verglichen habe. Nun der Vergleich drängt sich auf. Immerhin waren beide Staaten bis vor ca. 50 Jahren noch ein Land, wenn auch unter der Herrschaft der Briten.
Wenn man in eine Stadt in Pakistan kommt, könnte es genauso gut Indien sein. Es ist sehr ähnlich. Es ist dreckig, da jeder seinen Müll auf die Strasse kippt, die Strassen sind eine grosse Matschwiese, wenn es geregnet hat, und die luftverpestenden Rickshas sind auch überall. Wenn man einen Pakistani aus seinem "shalwar kameez" (das typische Gewand der Männer) nimmt und ihn in "normale" Kleider steckt, könnte ich ihn nicht von einem Inder unterscheiden.
Aber hier hören auch die Gemeinsamkeiten auf. Während ja in Indien nahezu jeder versucht hat, einen irgenwie übers Ohr zu hauen, ist das hier kaum der Fall. Wenn einen hier jemand auf der Strasse anspricht, kann man bedenkenlos mit ihm umherlaufen, ohne zu fürchten, dass man in wenigen Minuten eh nur in seinem Shop landet. Wenn ich hier jemanden frage, wie ich am besten nach Ort X komme, passiert es nicht selten, dass derjenige mir den richtigen Bus herbeiwinkt, sich dann noch mit mir reinsetzt und oft auch noch für mich bezahlt, was dann immer etwas unangenehm ist, da es ja für mich nicht wirklich Geld ist.
Womit wir beim Thema Kosten sind. Es ist alles wahnsinnig billig hier, wenn mann in billigen Hotels schläft, einfachen Strassenrestaurants isst und auch sonst auf Luxus verzichtet.
Von Quetta habe ich einen Nachtzug genommen nach Bahawalpur im "First Class Sleeper". Das schöne in Pakistan ist, dass man als Student 50% Ermässigung bekommt, weniger schön ist der bürokratische Aufwand der damit verbunden ist. Man zeigt nicht einfach seine Karte vor. Nein, man muss ein bestimmtes Office finden und dort einen Antrag stellen. Kompliziert. Naja und First Class ist auch nicht so nobel, wie es sich anhört. Es sind relativ versiffte Lederbänke, dreckiger Boden, aber immerhin ein eigenes Bad pro Abteil, in dem man aber auch nicht mehr als Pinkeln möchte. Totzdem immer noch wesentlich besser als ein Bus.
Von Bahawalpur wollte ich eigentlich Ausflüge nach Uch Sharif und Derawar Fort machen. Aber eigentlich wusste ich schon in dem Moment als ich den Zug verlassen habe, dass es ein Fehler war auszusteigen. Die Hitze ist unerträglich und es ist keine trockene Hitze. Es ist verdammt schwül und der Schweiss rennt einem nur so runter. Das Hotelzimmer ist auch keine grosse Erleichterung. Da ist es auch warm. Der Entschluss ist schnell gefasst. Ich muss hier weg!
Also bin ich am nächsten Tag weiter mit dem Zug nach Lahore. Ich konnte allerdings nur noch 2nd Class Tickets bekommen. Auch genannt "Livestock Class". Naja Schafe und Ziegen sind mir zum Glück erspart geblieben. Dafür war es sehr interessant mit einigen netten Leuten. Aber 9 Stunden waren dann auch genug.
Auch wenn ich nur 2 Tage in Lahore war, hat mir die Stadt gut gefallen. Es gibt einiges zu sehen. Die Badshahi Mosque, nachgegahmt der Jama Masjid in Delhi, das Lahore Fort in typischer Mughal Architektur oder die durch Rudyard Kiplings "Kim" bekannte Kanone "Zam-Zammah". Und ausserdem gibt es das erste goldene "M" seit Ankara. Oh und die AirCon darin ist sooooo guut...
Rawalpindi und Islamabad sind zwei Städte verschmolzen zu einer Masse. Während Pindi der alte, chaotische, verpestete Teil ist, ist Islamabad eine moderne City, in den 60ern schachbrettmusterartig weiträumig geplant mit viel Grünflächen und einigen modernen Hochhäusern. Mir hat Islamabad mehr zugesagt und ich war 6 Tage da, weil ich auf mein chinesisches Visum gewartet habe, was ohne Probleme ging.
In Islamabad hab ich auf dem Tourist Campsite geschlafen. Für ca. 1,50 DM auf dem Boden in einer Hütte. Das ist ein merkwürdiger Ort. Es gibt hier 2 Gruppen von Gästen. Leute, die in riesigen umgebauten LKWs und Jeeps overlanden und ihr perfektes Riesenzelt dabei haben und zu 95% aus Deutschland kommen, und die Leute die in den Hütten schlafen.
Mit Ausnahme von mir sind das Leute, die alle aus Indien kommen, 6 Monate da waren und wieder zurückwollen (warum nur??). Und man sieht es fast jedem Traveller an, der zu lange in Indien war. Er trägt die typischen Schlabberklamotten, die kein Inder je anziehen würde, und der Geist ist dem irdischen etwas entweicht und schwebt in höheren Sphären. Ob durch zuviel Drogen oder nicht lassen wir mal offen...
Mit meinem Visa in der Hand bin ich schnell weiter. über Taxila, wo ich Leute getroffen habe mit denen ich eventuell trekken gehe, nach Peshawar, nah an der afghanischen Grenze. Man kann sogar ein Visum bekommen und einreisen. Komischerweise reizt mich das dann doch nicht so. Ist wohl nicht so richtig sicher und einen noch krasseren islamischen Staat. Nein Danke!
Gilgit, 22. Juli 2001Dann begannen meine Vorbereitungen fürs Trekking: Zuerst brauchte ich ein Zelt. Ich war schon nahezu verzweifelt, als ich in ganz Rawalpindi/Islamabad keins gefunden habe, was nicht ein 4 Mann Zelt war. Dann kam aber meine Rettung von den Leuten aus Taxila, die mir ein recht geräumiges 2 Mann Zelt für ca. 85 DM verkauft haben. Dann brauchte ich einen Kocher, was auch nicht einfach war, da ich keine 5 Kg Kocher mit mir rumschleppen wollte. Ich hab mir dann einen Coleman 190 Gaskocher gekauft, welcher ziemlich teuer war, aber immerhin sehr leicht.
Was uns zum Thema Gewichtsreduktion des Backpacks bringt. Wer braucht schon 2 Hosen und 5 T-Shirts etc. Ich nicht mehr, wenn ich sie selber den Berg hoch tragen muss. Jetzt habe ich noch 1 Hose, 2 Hemden, 2 Unterhosen, 2 Paar Socken und Fleece und Regenjacke. Den Rest habe ich entweder weggeschmissen oder nach Hause geschickt. Und es ist sogar angekommen, schön mit der Hand in Tuch eingenäht. Was noch fehlte war Food. Da ich nicht viel tragen will, wird das Essen während des Campings aus Reis bestehen. Reis-mir-irgendwas-drin...
Meine erste Bewährungsprobe hatte ich im Kaghan Valley. Da habe ich insgesamt 5 Tage an verschiedenen Orten gezeltet. Und es war mit einer Ausnahme wo mich die Kids mit ihrem Generve an den Rand der Explosion gebracht haben, sehr schön. Die Landschaft war klasse. Tiefe Täler, grüne Hügel, dahinter schneebedeckte Gipfel, malerische Bergseen etc. Auch mit meinen Kochkünsten war ich einigermassen zufrieden. Ich hab sogar mein eigenes Brot gemacht, und es war sogar essbar.
Nur das Schleppen des eigenen Rucksacks hat mir nicht so gut gefallen. Denn er war immer noch verdammt schwer. Was mich zu der Erkenntnis gebracht hat, dass Trekking über mehrere Tage in Pakistan nichts für mich ist. Es ist halt nicht wie in Nepal, wo alle halbe Stunde Essen und Betten warten. Hier muss man alles mit sich schleppen. Und das mag mein Rücken nicht so.
Vom Kaghan Valley bin ich gen Osten auf die andere Seite des Karakoram Highways ins Swat Valley gefahren. In einer unendlichen Folge von Minibussen und Pickups. Bei Pickups sind hinten auf der Ladefläche zwei Bänke wo ca. 10 Leute sitzen und nochmal doppelt soviele hängen hinten, an den Seiten und auf dem Dach. Minibusse sind idR Toyota Hiaces, die zuhause vielleicht von einer grösseren Familie genutzt werden. Hier werden 18 Leute reingequetscht. Hinten 4x4 vorne 2 plus Fahrer und ab und zu Leute auf dem Dach. Und los fahren sie auch erst wenn wirklich der allerletzte Platz auch noch gefüllt ist. Naja beide sind nicht sonderlich bequem, aber immerhin recht schnell...
Im Swat Valley habe ich erstmal in Madyan für ein paar Tage nur entspannt und nichts getan. Früher war das hier mal ein Hangout auf dem Hippie Trail. Heute ist nicht mehr so viel los. Und auch landschaftlich bei weitem nicht so toll wie das Kaghan Valley.
Weiter gings nach Chitral, in die nordöstliche Ecke Pakistans, und von dort in die Kalash Valleys. Neben der landschaftlichen Schönheit zeichnet diese Täler vor allem aus, dass ihre Bewohner Nicht-Muslims sind. Eine schöne Abwechslung nach mehr als 4 Monaten in ausschliesslich islamischen Ländern. Und es gibt Wein da!
Danach startete mein grosses "Pferde-Abenteür". Ich habe mir ein Pferd gekauft und wollte es von Chitral nach Gilgit reiten. 400 km sind das und 10 Tage dauert es, sagte man mir. Nun, es wurde zu meinem grössten Desaster der ganzen Reise. Ich habe ja eigentlich keine Ahnung von Pferden ausser Geld-Verlieren auf der Pferderennbahn. Das hat sich bald bitter gerächt.
Schon beim Kauf bin ich derbe übers Ohr gehauen worden. Ich habe ca. 600 Mark für den Gaul bezahlt. Er war vielleicht die Hälfte wert. Nach 2 Tagen stellte sich schnell heraus, dass es ein ziemlich müder Gaul war und ich merkte bald jeden Knochen und Muskel und Rücken schmerzlich. Am Ende lief ich mehr neben dem Pferd her als zu reiten. Besser für mich und das Pferd. Nach 4 Tagen hatte ich aber endgültig genug. Mir ging es neben den ganzen körperlichen Schmerzen auch sonst ziemlich mies. Ich fühlte ich mich hier das erste Mal richtig einsam.
Sich den ganzen Tag nur mit seinem Pferd zu unterhalten ist nicht sehr erfüllend. Also musste eine drastische Entscheidung getroffen werden. Ich hab den Gaul zu einem Dumping Preis in Mastuj wieder verkauft. Ich war froh, dass ihn überhaupt einer genommen hat. Wäre ich weitergeritten hätte es mich krank gemacht...
Also habe ich den Rest des Weges motorisiert nach Gilgit zurückgelegt. Busse fahren da nicht, da es nur ein schlechter Jeep Track ist. Also trampen und auf den Ladeflächen von Cargo Jeeps, zusammen mit Säcken von Mehl, Reis, etc. und 15 anderen Leuten. In Deutschland wird so nicht mal Vieh transportiert. Hier Menschen...
Kashgar, 17. August 2001Ich habe dann einige Tage in Gilgit verbracht, Pläne geschmiedet und viele nette Leute getroffen.
Zuerst war ich in Fairy Meadows, auf der Nordseite von Nanga Parbat (8125m), der neunthöchste Berg der Welt. Und er ist wirklich ziemlich imposant. Es ist ein riesiger massiver Steinblock, und wenn man einen Daytrip zum Basecamp macht, ist man rundum umgeben von schneebedeckten Gipfeln.
Das gute in Pakistan ist, dass man mit dem Jeep fast bis an den Fuss des Berges fahren kann, ohne tagelanges Trekking. Das macht es ideal für 1-2 Tage Ausflüge.
Danach bin ich nach Skardu in Baltistan gefahren, wo ich Zeuge eines religiösen Shia Festivals wurde, das dem Martyr Tod des Iman Ali gedenkt. Dabei läuft eine grosse Menschenmasse durch die Strasse begleitet durch einen monotonen Singsang, und alle schlagen sich rhythmisch auf die Brust, bis sie rot und blau wird. Und das sind nur die Harmlosen, die ganz harten Typen schlagen sich mit Peitschen an deren Enden Klingen hängen immer auf den Rücken. Bei manchen war richtig das Fleisch zu sehen. Einige bewegen sich dabei so in Trance, dass sie mit Gewalt gestoppt werden müssen, weil sie sich selbst zu Tode prügeln würden. Das ganze war schon wahnsinnig faszinierend, aber zugleich auch sehr befremdlich und ich muss es nicht unbedingt noch einmal sehen.
Weiter gings über das Deosai Plateau. Ein Hochplateau, mit über 3000 qkm und die ganze Fläche mit einer Höhe von mind. 4000m. Es erinnerte ein bischen an die schottischen Highlands mit grünen Wiesen, enormer Flora und Fauna, hohen Bergen in der Distanz. Unterschiedlich waren nur die interessanten River Crossing per Jeep wo der Jeep halb im Wasser versinkt und dass es wahnsinnig kalt in der Nacht war. Klasse!
Auf dem Rückweg nach Gilgit ging es nach Tarashing. Auf der Südseite von Nanga Parbat und diesmal war auch das Wetter perfekt. Nicht eine Wolke am Himmel auf unserem Trek zum zweiten NP BaseCamp. Wirklich malerisch.
Von Gilgit ging es dann langsam nach Norden. Nach Minapin, für einen Trip zum Rakaposhi Basecamp (ca. 3500m). Dies war der absolute Highlight meines Pakistan Trips. Nach 5 Stunden laufen, gelangt man an einen fantastischen Viewpoint, der einem den Atem verschlägt. Ein enormer Gletscher, und im Hintergrund eine 15km lange Bergkette mit Diran Peak und Rakaposhi (7788m) an den Enden. Wir haben auch einen Daytrip über den Gletscher gemacht, mit einem Local Guide. Ein irres Gefühl so über das Eis zu laufen und selbst der Guide hat sich manchmal verlaufen zwischen den Gletscherspalten...
Weiter gings nach Karimabad, Hunza. Das Herzstück des pakistanischen Tourismus, wie man überall lesen kann. Leider war das Wetter nicht so gut und ausserdem war es mir zu touristisch mit all den Teppich Shops und Package Touris.
In Passu haben wir dann noch einen Daywalk über Hängebrücken wie im Indiana Jones Film gemacht. Trotz der Stahlseile haben sie mächtig geschwungen und man muss seine Füsse auf dünne Holzbretter oder Äste setzen, die manchmal bis zu 1m auseinander sind. Ein Erlebnis!
Im Endeffekt war ich also 2 Monate in Pakistan, bis ich mich schliesslich losreissen konnte. Es ist wirklich ein klasse Land. Nette Leute, irre Bergszenerie, und wahnsinnig billig. Ich kann nur jedem empfehlen, der ein bischen für die Berge schwärmt, hierher zu kommen.

Zam Zammah - die berühmte Kanone aus Kipling´s "Kim". Inzwischen steht sie auf einer Verkehrsinsel, mitten im Lahorer Verkehr.






Mein Pferd: Jeder wird jetzt natürlich sagen, ach ist das aber mager. Naja wenn man aus dem Rathaus kommt... Nach 4 Tagen und ca. 100km hab ich den Gaul wieder verkauft - mit herbem Verlust!
Polo in Mastuj

Shandur Pass
Dann gings richtig in die Berge. Fairy Meadows mit Blick auf Nanga Parbat, mit 8125m der neunthöchste Berg der Welt.
In der Nähe von Skardu wurde ich dann Zeuge eines religiösen Shia Festivals. Die grosse Masse lief durch die Strasse und hat sich immer nach einem monotonen Rhythmus mit der Hand auf die Brust geklatscht...









